An(ge)dacht

Glaube wächst oft mitten im Zweifel

Liebe Schwestern und Brüder,

am vergangenen Sonntag, am Weißen Sonntag, haben wir im Johannesevangelium gehört, wie der Auferstandene zu Thomas sagt: „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ (Joh 20,27). Diese Aussage Jesu hat dem Apostel Thomas den Namen „der ungläubige Thomas“ gegeben – zumindest in Europa. Bei uns in Indien hingegen gilt er als der heilige Apostel Indiens: Glaubensgründer, Missionar, Glaubenszeuge und Märtyrer. Denn Thomas ist der Einzige, der gesagt hat: „Lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben!“ (Joh 11,16).

Aber warum wird der Apostel Thomas als „der Ungläubige“ bezeichnet? Ist es, weil er nicht einfach auf Hörensagen glauben wollte? Er sagt: „Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“

Wenn ja – was ist dann mit den anderen Jüngern, die im Glauben und in der Nachfolge Jesu, besonders in seinem Leiden und Tod, versagt haben? Die Evangelien bestätigen, dass die Jünger in der Krise keine Helden waren. Als Jesus zum ersten Mal von seinem Leiden und Tod sprach, widersprach ihm Petrus sofort: „Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!“ Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: „Tritt hinter mich, du Satan!“ (Mt 16,22–23).

Ist Petrus deshalb „Satan“? Nennen wir ihn also „Petrus, den Satan“? Nein, oder? Beim letzten Abendmahl sagt Jesus, dass alle Jünger ihn verlassen werden (Mt 26,31). Petrus widerspricht und verspricht voller Überzeugung: „Auch wenn alle dich verlassen – ich nicht!“ (vgl. Mt 26,33). Petrus ist der Erste, der bekennt: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ (Mt 16,16; Mk 8,29; Lk 9,20). Und genau dieser Petrus verleugnet Jesus dreimal: „Ich kenne ihn nicht.“ (Lk 22,54–62). Ist Petrus deshalb ein „Ungläubiger“?

Im Garten Getsemani bittet Jesus die Jünger, mit ihm zu wachen – doch sie schlafen ein (Mt 26,40–41). Als Jesus verhaftet wird, „verließen ihn alle und flohen“ (Mt 26,56). Unter dem Kreuz stehen nur wenige – vor allem Frauen (Joh 19,25). Die große Gemeinschaft der Zwölf fehlt. Und auch danach wird ihre Enttäuschung sichtbar: Einige Jünger kehren in ihr altes Leben zurück. Sie gehen wieder fischen (Joh 21,3).

Keiner bleibt standhaft. Alle haben Jesus verlassen. Aber Jesus, die menschgewordene Liebe Gottes, kennt die Schwachheit seiner Jünger. Der Evangelist Lukas berichtet, dass die Jünger im Garten Getsemani vor Müdigkeit eingeschlafen sind (Lk 22,45). Der Evangelist Matthäus spricht vom Kleinglauben der Jünger: „Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen?“ (Mt 8,26).

Jesus kennt die Menschen um sich herum. Er sieht ihre Schwäche, ihre Müdigkeit und ihren Zweifel – und dennoch ermutigt er sie immer wieder. Thomas ist einer von ihnen. Er glaubt nicht einfach auf Hörensagen. Sein Zweifel ist kein Unglaube, sondern ein tiefes Verlangen nach Gewissheit. Er will verstehen, er will berühren, er will existenziell erfassen. Und so spricht Thomas das große Bekenntnis: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28).

Liebe Schwestern und Brüder, echter Glaube ist nicht das Gegenteil von Zweifel. Echter Glaube wächst oft mitten im Zweifel. Glaube ist ein Weg. Ein Prozess. Ein Ringen. Ein Suchen. Ein Finden. Ein Bekenntnis: Mein Herr und mein Gott. Amen.

Liebe Grüße

Pater Ephrem OSB

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