An(ge)dacht

ein kleines Spiegelbild der Güte Gottes

Liebe Schwestern und Brüder, im Evangelium des kommenden Sonntags hören wir ein sehr persönliches Wort Jesu. Er spricht zu seinem Vater und sagt: „Niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“

Diese Worte zeigen uns etwas Entscheidendes: Jesus ist gekommen, um uns den Vater zu offenbaren. Er möchte uns zeigen, wie Gott wirklich ist. Viele Menschen sahen Gott damals vor allem als strengen Richter. Jesus aber offenbart uns einen Vater, der barmherzig, gütig und voller Liebe ist.

Am vergangenen Dienstag durfte ich die heilige Messe mit indischen Ordensschwestern feiern, die in einem Altenheim tätig sind. Wir hatten dasselbe Evangelium gehört, und ich fragte sie, wie sie diese Worte Jesu verstehen und in ihrem Alltag leben.

Eine Schwester antwortete: „Jesus kennt den Vater. Deshalb wollte er den Menschen zeigen, wie barmherzig und gütig der Vater ist. Auch wir versuchen jeden Tag, diesen liebenden Vater durch unser Gebet und unseren Dienst sichtbar zu machen.“ Die Schwestern erzählten weiter: „Jeden Morgen beten wir für die alten Menschen, die uns anvertraut sind. Durch das Gebet empfangen wir Kraft und inneren Frieden. Deshalb können wir auch schwierige Aufgaben mit Ruhe und Freude annehmen.“

Diese Antwort hat mich sehr berührt. Die Schwestern haben verstanden, dass die Offenbarung Gottes nicht nur durch Worte geschieht. Sie geschieht durch ein Leben, das von Liebe geprägt ist. Wenn sie kranke Menschen pflegen, geduldig zuhören oder Trost schenken, dann machen sie etwas von der Güte Gottes sichtbar.

Genau dazu lädt uns Jesus heute ein. Er sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Wie viele Menschen tragen heute schwere Lasten: Sorgen um die Familie, Krankheit, Einsamkeit, Enttäuschungen oder Zukunftsängste. Jesus verspricht nicht, dass alle Schwierigkeiten verschwinden. Aber er verspricht seine Nähe. Wer zu ihm kommt, findet Kraft und Ruhe für die Seele.

Dann sagt Jesus noch etwas Überraschendes: „Lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig.“ Nicht Macht und Erfolg stehen im Mittelpunkt seines Lebens, sondern Güte und Demut. Das sind auch die Wege, auf denen Gott sich offenbart.

Deshalb dürfen wir uns heute fragen: Wie die Ordensschwestern versuchen, den barmherzigen Vater durch ihr Gebet und ihren Dienst sichtbar zu machen – versuchen auch wir das?

Offenbaren wir durch unsere Worte und Taten etwas von Gottes Liebe?

Begegnen wir den Menschen um uns herum mit Frieden, Geduld und Verständnis?

Nehmen wir uns Zeit für das persönliche Gebet, damit wir aus der Kraft Gottes leben können?

Jeder von uns hat die Möglichkeit, ein kleines Spiegelbild der Güte Gottes zu sein: in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft oder in unserer Pfarrgemeinde. Bitten wir den Herrn, dass wir ihn immer besser kennenlernen und von ihm lernen. Dann werden auch wir dazu beitragen, den Menschen den barmherzigen und gütigen Vater zu offenbaren. Amen.

Pater Ephrem OSB

 

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