An(ge)dacht
Lebenswege
Liebe Gemeindemitglieder und Gäste!
Diese Woche feierte ich drei Beerdigungen, bei denen mir auf einmal deutlich wurde, wie grundverschieden die Menschen oft sind, die ich zu Grabe trage. In der Regel erzählen mir die Hinterbliebenen bei meinen Besuchen sehr ausführlich über ihr Leben mit den Verstorbenen. Für mich entsteht dann häufig ein Bild dieser Person, die ich zuvor gar nicht oder nur oberflächlich gekannt hatte. Am äußeren Lebensweg habe ich dabei weniger Interesse, für mich ist spannend, welchen inneren Weg ein Mensch in seinem Leben wohl genommen hat: Welche Menschen, Ereignisse und Erfahrungen haben den Verstorbenen geprägt oder nachhaltig verändert, wer oder was ist ihm oder ihr wichtig gewesen, wofür hat dieser Mensch in seinem Leben gebrannt? Wie ist der oder die Verstorbene mit sich selbst, mit den Mitmenschen und der Welt umgegangen? Und, soweit Außenstehende das überhaupt sagen können, welches Verhältnis hatte der oder diejenige zu Gott? Und: Aus welchen Quellen hat dieser Mensch gelebt, wer oder was gab ihm in seinem Leben Sicherheit, Hoffnung und Kraft? Wie ist er oder sie mit Problemen, Misserfolgen, Krankheiten oder Verlusten umgegangen?
Auch wenn ich sicher weiß, dass das Bild, das auf diese Weise in meinem Kopf entsteht, immer unvollständig und verzerrt bleibt, fällt es mir doch leichter, mit diesen Einschätzungen im Hintergrund einen Verstorbenen im Gebet vor Gott zu tragen und, so gut es überhaupt gelingen kann, wirklich tröstende Worte und Gesten für die Hinterbliebenen zu finden.
Für mich ganz persönlich ist bei meinem Dienst an den Toten und Hinterbliebenen immer ermutigend, in jedem abgelaufenen Leben, und sei es nach menschlichen Maßstäben noch so vermurkst, die Gegenwart Gottes entdecken zu dürfen. Und das ist wirklich großartig!
In der Hoffnung, uns noch möglichst lange in diesem Leben zu begegnen, grüßt Sie
Propst Michael Langenfeld