An(ge)dacht
Nähe und Distanz
Angedacht
Liebe Gemeindemitglieder und Gäste!
Es war das erste Mal seit über sieben Jahren, dass ich meinen Hund Titus für gut zehn Tage, die ich mit einer kleinen Gruppe in Rom unterwegs war, abgeben musste. Mit seinem Hundefreund Guinness und meinen freundlichen Nachbarn verbrachte er die Tage am Meer. Seit er wieder in der Propstei ist, bemerke ich, dass wir beide deutlich aufmerksamer aufeinander achten als zuvor.
Eine ähnliche Erfahrung machen ja auch viele Menschen miteinander. Es kommt bei unseren menschlichen Beziehungen auf die rechte Mischung aus Nähe und Distanz an. In der Nähe zu einem vertrauten Gegenüber können wir Menschen entspannen, erfahren wir gegenseitiges Angenommensein, Zuwendung und Wertschätzung. Das alles schützt und bereichert unser tägliches Miteinander. Wir Menschen brauchen aber hin und wieder auch eine gewisse Distanz zueinander, damit wir uns nicht selbst verlieren und Erlebtes in unsere je eigene Lebensgeschichte gut integrieren können. Distanz schützt uns in der Regel auch vor unguten Abhängigkeiten und festigt so unsere je eigene Persönlichkeit.
Wenn ständige Nähe zu Routine und Selbstverständlichkeit führt, kann eine gewisse Distanz die Beziehungen neu beleben.
Diese Beobachtungen haben mir noch einmal in Erinnerung gerufen, dass auch das jüdisch-christliche Menschenbild den Menschen zugleich als Individuum wie auch als Gemeinschaftswesen betrachtet und davon ausgeht, dass wir tagtäglich in dieser fruchtbaren Spannung von ‚Ich und Wir‘ leben.
In der Zuversicht, dass uns das immer wieder gelingt, grüßt
Propst Michael Langenfeld