An(ge)dacht
Hinüber schauen
Es gibt das Märchen von einem unbekannten Autor, das vom Tod erzählt, der über den Fluss kommt, wo die Welt beginnt. Er kommt, um den armen, aber glücklichen Hirten zu holen, der immer so schön auf seiner Flöte zu spielen wusste. Jene Melodie des Lebens, die weit über das andere Ufer hinaus zu vernehmen war. „Du weißt, wer ich bin, Kamerad?“ fragte der Tod. „Ich weiß, Du bist der Tod“, sagte der Hirte, „ich habe dich oft auf der anderen Seite des Flusses gesehen, du bist gekommen, mich zu holen?“. „Du fürchtest dich nicht?“ fragte der Tod. „Das ständige Hinüberschauen über die Grenze des Lebens hat mir die Angst auch vor dem Tod genommen.“ Das kleine Märchen zeigt uns Menschen, wie wichtig es ist, über die Grenzen, die uns gesteckt sind, hinaus zu denken. In dem ich an der Grenze des Lebens hinüberschauen möchte, nehme ich erst die eigene „Eingeschränktheit“ wahr, die Endlichkeit meiner Existenz.
Nie erkennt ein Mensch alleine alles, nie gelingt es uns das ganze Wissen in uns zu sammeln, wir sehen nie das Ganze und sehnen uns dennoch danach. Manches beginnen wir erst zu ahnen, wenn wir am Ufer sitzen, an dem unser Wissen endet. Der Monat November bringt uns mit der Endlichkeit unseres eigenen Lebens in Berührung. Im jahreszeitlichen Klima beginnt auch die Schöpfung das Leben auszuatmen, die Tage werden kürzer, das Jahr beginnt sich zu neigen. Da wo sonst in der Alltäglichkeit des Einerlei die Routine sich einzuschleifen beginnt und Verdrängung die Tagesordnung bestimmt, sind unsere inneren Augen nun mit einem Mal in die Weite gerichtet. Da, wo sonst die Zeit fehlt, werden wir auf die Wesentlichkeit des Menschseins gestoßen. Dieser weitende Blick über die Grenzen des Lebens kann uns zugleich eine neue Tiefe schenken und Fragen des „Woher“ und des „Wohin“ in den Mittelpunkt setzen. Alpha und Omega – Anfang und Ende - Geburt und Tod - Ausgang und Ziel, sie werden zu fassbaren Momenten des Lebens. Ich habe nur dieses eine Leben, wo jeder einzelne Atemzug, jeder „Augen-blick“ so unendlich wertvoll ist. Dies kann mir in der Grenzsituation bewusster werden als sonst, klarer steht vor Augen, wie wenig selbstverständlich das Heute und das Morgen ist. Beim Gang über den heimatlichen Friedhof bin ich dieser Tag vor einem Grab stehen geblieben. Etwas ungläubig lese ich den Namen, der mir wohlvertraut – immer und immer wieder.
Bilder des Lebens, gemeinsame Erlebnisse, sie stehen mir lebendig vor Augen. Mir wird mit einem Mal bewusst, wir haben uns sehr lange nicht gesehen und werden es auf der Erde nie mehr tun können. Ich nehme die Grenze schmerzlich in mir wahr, die Zeit, sie ist geschenkt. Das Abschied nehmen von den Menschen, die uns so am Herzen liegen, fällt uns unsagbar schwer. Gut, dass es diese oder jene Situation gab, gut, dass Du zu meinem Leben gehörst - unwiederbringlich. Ich lebe dieses Leben auf Erden nur ein einziges Mal.
Der Blick von der Endlichkeit hinüber in die Unendlichkeit von der Zeitlichkeit in die Ewigkeit, hilft mir ein Grenzgänger zu sein, über meinen eigenen Horizont hinaus zu denken und vielleicht gelegentlich auch einmal aus dem „Rahmen zu fallen.“ Christus hat es vorgemacht, er lädt uns ein, ihm zu folgen. Die Lichter auf den Gräbern singen dazu in diesen Tagen ihr eigenes Lied.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Euch ein gesegnetes Allerheiligenfest
und dann ein besinnliches Gedenken zu Allerseelen.
Ihr Domkapitular Gregor Kauling